Landwirtschaft

Biodiversität im Weinberg fördern – Mehr Leben zwischen den Reben

Biodiversität im Weinberg zu fördern, ist nicht nur gut für die Natur – sie stärkt auch die Reben, verbessert die Bodenqualität und trägt zum ökologischen Gleichgewicht bei. Ein vielfältiger Lebensraum schützt vor Schädlingen, beugt Erosion vor und steigert langfristig die Resilienz des Weinbergs gegenüber Klimastress. Das klingt nach einer Win-Win-Situation! Und so geht’s mit 6 effektiven Maßnahmen:

Durch vielfältig begrünte Zwischenzeilen lässt sich die Biodiversität im Weinbau leicht förden.

6 effektive Maßnahmen zur Förderung der Biodiversität im Weinberg

1. Blütenreiche Begrünung fördern und Trittsteinbiotope erschaffen

Ein zentraler Baustein zur Förderung der Biodiversität im Weinberg ist die vielfältige Begrünung zwischen den Rebzeilen sowie die Anlage blütenreicher Randstrukturen wie Saumbereiche, Wegränder oder Wegspitzen. Diese Lebensräume bieten Nahrung, Schutz und Fortpflanzungsmöglichkeiten für zahlreiche Insektenarten. Dabei eignen sich besonders Wegspitzen zur Erschaffung sogenannter „Trittsteinbiotope„. Bei diesen handelt es sich um kleine, blütenreiche Oasen, die Insekten dabei helfen sich in der Monokultur zu bewegen und neue Lebensräume zu erschließen. Sind solche Strukturen mosaikartig in der Landschaft verteilt, leisten sie einen wichtigen Beitrag zur Erhaltung gesunder und stabiler Ökosysteme im Weinbau.

Im Vergleich zur Feldwirtschaft hat der Weinanbau einen entscheidenden Vorteil: Zwischen den Rebzeilen können Blühstreifen angelegt werden, ohne dass auf kostbare bewirtschaftbare Fläche verzichtet werden muss. Noch dazu schützt eine dauerhafte Begrünung den Boden vor Erosion, verbessert die Wasseraufnahme, verhindert das Abschwemmen von Nährstoffen, fördert die Bodenfauna und bietet Kleintieren Schutz.

Ordentlich aber leblos: Ein Weinberg mit kurzgemähter Rasenfläche zwischen den Rebzeilen.


Leider sieht man oft nur total „aufgeräumte“ Weinberge, mit kurzgemähten Rasenflächen und ohne Blühpflanzen. Warum? Unbegründete Angst vor Schädlingen oder der Wunsch einen ordentlichen Weinberg zu haben. Warum nicht, zumindest in jeder 2. Rebzeile, einfach mal wachsen lassen? Dies macht nicht nur weniger Arbeit während der Saison, sondern ist gut für die Stabilität des Ökosystems.

2. Das richtige Saatgut wählen oder einfach mal nichts machen

Die Begrünung kann entweder durch die natürliche Ansiedlung sogenannter Spontanvegetation entstehen (einfach mal wachsen lassen!) oder gezielt durch die Einsaat regionaltypischer Wildpflanzen erfolgen. Für letzteres bitte nur heimisches (autochthones) Regio-Saatgut verwenden: Eine Verfälschung der lokalen Flora wird so vermieden und gezüchtete Pflanzen mit geringem ökologischen Wert werden nicht ins Gebiet eingebracht. Außerdem lassen sich so gezielt mehrjährige Blühflächen mit einer Standzeit von zwei bis fünf Jahren etablieren. Diese bieten auch in den Wintermonaten wichtige Strukturen – etwa durch abgestorbene Pflanzenstängel, die von vielen Insekten zur Überwinterung und Fortpflanzung genutzt werden. Vor allem spezialisierte Wildbienen sind auf einen langzeitlich angelegten Blühpflanzenbestand angewiesen.

3. Begrünung richtig pflegen

Die Pflege von Rebzwischenzeilen, Blühflächen und Saumbereichen spielt eine zentrale Rolle für den Erhalt der Insektenvielfalt. Eine effektive Methode um die Bioversität zu fördern ist eine sogenannte Staffel- oder Mosaikmahd. Dabei werden nicht alle Flächen gleichzeitig, sondern zeitlich versetzt gemäht. So bleibt immer ein Teil der Vegetation stehen und bietet Insekten weiterhin Nahrung und Schutz.

Außerdem: Mäh- oder Mulchenarbeiten am allerbesten nur einmal im Jahr in den Wintermonaten durchführen. Eine Mahd vor Mitte Juni ist nicht empfehlenswert, da viele Wildpflanzen zu diesem Zeitpunkt noch in der Hauptblüte stehen.

Sind langfristig Blühstreifen mit mehrjährigen Pflanzen oder Wegspitzen etabliert, die für den Weinanbau nicht gemäht oder geplegt werden müssen, so hat sich auch ein Umbrechen der Flächen nach einigen Jahren als geeignet erwiesen. Vorausgesetzt die Fläche ist nicht von üppigen Brombeerbewuchs betroffen und es befindet sich ein gleichwertiger Blühstreifen in der näheren Entfernung als alternative Nahrungsquelle für spezialisierte Wildbienenarten.

4. Walzen und Mähen statt Mulchen

Ideal wäre es, komplett auf das sogenannte Mulchen zu verzichten, welches im Weinbau zu den Standardverfahren gehört. Denn beim Mulchen wird das Pflanzenmaterial stark zerkleinert, wobei viele darin lebende Kleintiere wie Insekten, Spinnen oder Käfer vernichtet werden.

Wesentlich insektenfreundlicher sind das Walzen oder das Mähen. Beim Mähen sollte das Mähwerk auf eine Höhe von mindestens 15 Zentimetern eingestellt werden. So haben am Boden lebende Tiere die Möglichkeit, rechtzeitig zu fliehen. Das Mahdgut sollte nicht sofort, sondern erst einige Tage nach dem Schnitt entfernt werden. Dadurch können Samen noch ausfallen, und verbliebene Tiere finden einen Rückzugsort.

Es muss aus wirtschaftlichen Gründen gemulcht werden? Auch hier kann ein höherer Abstand zum Boden eingestellt werden.

5. Durch Strukturvielfalt Lebensräume schaffen

Natürliche Strukturelemente wie Trockenmauern, Steinriegel, Totholzhaufen oder felsige Bereiche sind für viele Insekten und andere Tiere von großer Bedeutung. Sie bieten geschützte Rückzugsorte, dienen als Sonnenplätze, Überwinterungsquartiere und Fortpflanzungsstätten. Auch für das Sozialverhalten mancher Arten, etwa bei der Balz oder Reviermarkierung, spielen sie eine wichtige Rolle.

Damit diese Strukturen ihre ökologische Funktion erfüllen können, ist es wichtig, sie freizuhalten und nicht zu überwuchern. Geht ein solches Landschaftselement verloren, sollte unbedingt ein naturnaher Ersatz geschaffen werden, um die Artenvielfalt im Weinberg zu erhalten und zu fördern.

6. Brachflächen pflegen!

Unbewirtschaftete Flächen, sogenannte Brachflächen, sind inmitten unserer intensiv genutzten Kulturlandschaft wichtige Rückzugsorte für Insekten. Sie bieten eine wertvolle Kombination aus Blütenpflanzen, Kleinstrukturen und offenen Bodenstellen, die vielen Arten als Lebensraum dienen.

Doch diese ökologischen Nischen sind gefährdet: Wenn Brachflächen langfristig nicht gepflegt werden, kommt es zur Verbuschung z.B. mit Brombeeren. Dabei verschwinden viele Wildkräuter und mit ihnen auch die Vielfalt an Lebensräumen. Um dem entgegenzuwirken, sollten Brachflächen in regelmäßigen Abständen gepflegt und offen gehalten werden. Wie häufig das nötig ist, hängt von der Standortqualität und der natürlichen Wüchsigkeit ab. Einmal im Jahr in den Wintermonaten zu mähen hat sich in der Praxis bewährt.

Wichtig ist, dabei behutsam vorzugehen: Einzelne wertvolle Strukturen wie Hecken, Gehölzgruppen oder Totholz sollten erhalten bleiben, da sie ebenfalls wichtige Funktionen im Ökosystem erfüllen.

Fazit: Jeder Weinberg kann zur Artenvielfalt beitragen

Biodiversität im Weinberg fördern bedeutet, Verantwortung zu übernehmen – für die Natur, für künftige Generationen und für die Qualität des eigenen Weines. Einige der Maßnahmen sind mit erhöhtem Aufwand verbunden und können kostspielig sein, aber auch schon kleine Maßnahmen können eine große Wirkung entfalten.

Sie sind Weinkonsument und möchten die Biodiversität in Weinbergen fördern? Unterstützen Sie lokale Weingüter, die sichtbar Biodiversität und Insektenvielfalt auf ihren Weinbergen leben. Sie wohnen nicht in einer Weinregion? Oft gibt die Homepage der Weingüter mehr Informationen über die Strategie der Weingüter preis.

Weiterführende Literatur und Quellen:

Diese praktischen Informationen stammen aus meiner Arbeit im Projekt „Biodiversität in Weinbausteillagen – Wechselwirkungen zwischen Steillagenbewirtschaftung und Biodiversität unter Berücksichtigung der Ressourcensicherung“ (FKZ: 2811HS003) im Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum Mosel. Mehr Informationen zu diesem BLE-Forschungsprojekt und den vollständigen Abschlussbericht gibt es hier:

Böhm L, Krahner A, Porten M, Maixner M, Schäffer J, Schmitt T (2024) Crossing Old Concepts: The Ecological Advantages of New Vineyard Types. Diversity. 16 (1), 44. https://doi.org/10.3390/d16010044.

Schmid-Egger C, & Witt R (2014) Ackerblühstreifen für Wildbienen – Was bringen sie wirklich? Ampulex, 6, 13–22 http://www.ampulex.de/ampu6.pdf

Viers JH, Williams JN, Nicholas KA, Barbosa O, Kotzé I, Spence L, Webb LB, Merenlender A, Reynolds M (2013) Vinecology: pairing wine with nature. Conservation Letters, 6(5), 287–299.
https://doi.org/10.1111/conl.12011

Posted by Juliane Schäffer in Biodiversität, Landwirtschaft, Praxis, Weinbau, 0 comments