Wildbienen

Müssen Nisthilfen für Wildbienen gereinigt werden?

Wer eine Nisthilfe für Wildbienen im Garten oder auf dem Balkon besitzt, stellt sich früher oder später diese Frage: Muss ich meine Nisthilfe sauber machen? Häufig finden sich dazu widersprüchliche Empfehlungen, die von einem vollständigen Verzicht auf Pflege bis hin zu regelmäßiger Reinigung reichen.

Tatsächlich lässt sich diese Frage nicht pauschal beantworten. Ob eine Reinigung sinnvoll ist, hängt maßgeblich davon ab, welche Wildbienenarten die Nisthilfe nutzen, wie sie gebaut ist und in welchem Zustand sich die Niströhren befinden. Gut gemeinte Pflege kann hilfreich sein, unter bestimmten Umständen jedoch auch dazu führen, dass Nisthilfen langfristig nicht mehr angenommen werden.

Wichtiger als die Pflege ist zunächst aber, dass es sich um eine fachlich korrekt gebaute Nisthilfe handelt, aus dem richtigen Material, mit glatten Bohrungen, passenden Lochdurchmessern und einem regengeschützten Standort. Wer sich mit diesen Grundlagen bislang nicht beschäftigt hat, sollte dies vor dem Kauf oder Bau unbedingt nachholen. Sehr empfehlenswert sind hierzu die Informationen des Wildbienenexperten Paul Westrich, der sich seit vielen Jahren wissenschaftlich mit diesem Thema befasst.

Nicht jede Wildbiene nutzt jede Nisthilfe gleich

Ein zentraler Punkt, der bei der Pflege oft übersehen wird, ist die Lochgröße. Unterschiedliche Wildbienenarten nutzen sehr unterschiedliche Durchmesser – und verhalten sich auch beim Reinigen ihrer Nester nicht gleich.

Kleine Arten, die überwiegend im späten Sommer fliegen, räumen alte Brutzellen in der Regel selbstständig aus. Sie nutzen bevorzugt sehr kleine Bohrlöcher (ca. 3-4 mm) und verschließen ihre Nester mit Harz, Sand, Drüsensekret oder kleinen Steinchen. Diese Röhrchen müssen normalerweise nicht gereinigt werden. Zu diesen Bienen gehören vor allem:

  • Scherenbienen (Chelostoma)
  • Löcherbienen (Heriades)
  • Maskenbienen (Hylaeus)

Anders sieht es bei den großen, früh fliegenden Mauerbienen aus. Die häufigsten Besucher in Nisthilfen sind hier:

  • die Rostrote Mauerbiene (Osmia bicornis)
  • die Gehörnte Mauerbiene (Osmia cornuta)

Diese Arten nutzen größere Lochdurchmesser (ca. 6-9 mm) und reinigen ihre Niströhren nicht selbst. Mit der Zeit sammeln sich dort Kot- und Pollenreste oder abgestorbene Brut an. Besonders hartnäckig zu entfernen sind allerdings die „Mörtelreste“ der Mauerbienen. Sie nutzen ein Gemisch aus Speichel und Ton oder Erde zum Bau der Trennwände und zum Verschluss der Brutzellen. Ohne Pflege werden diese Röhren oft nicht erneut besiedelt.
👉 Wenn gewollt ist, dass diese Arten jedes Jahr wiederkommen, ist eine Reinigung oder ein Austausch der Röhrchen sinnvoll.

Es gibt auch andere Wildbienen, die Löcher von ca. 6 mm Größe besiedeln. Dazu gehören z.B. einige Arten der Blattschneiderbienen. Ihr Besuch ist vergleichsweise selten und man erkennt diese an den Blättern mit denen der Eingang verschlossen wird. Am besten stellt man zunächst durch gute Beobachtung fest, ob diese Röhre erneut, vielleicht sogar von einer anderen Art besiedelt, wird. Paul Westrich hat auf seiner Website eine tolle Galerie zu Nestverschlüssen, welche hilft, die Wildbienenarten in der Nisthilfe zu bestimmen.

Verschlossen heißt nicht automatisch bewohnt

Die besetzten Brutröhren werden im Winter markiert, um in der nächsten Saison festzustellen, welche Wildbienen geschlüpft sind.

Ein häufiges Problem bei Nisthilfen ist, dass Röhrchen zwar verschlossen sind, die Brut darin aber bereits abgestorben ist. Das passiert z.B. durch Schimmel, Parasiten oder zu hohe Feuchtigkeit. Von außen ist das kaum zu erkennen, und so bleiben diese Röhren oft jahrelang blockiert. Treten gehäuft verschimmelte Röhrchen auf, ist das ein Zeichen dafür, dass die Nisthilfe vielleicht baulich ungeeignet ist, falsch aufgestellt (etwa zu feucht oder ungeschützt vor Witterung) oder aus ungeeigneten Materialien gefertigt wurde. Vor Allem wenn der Schimmel auch von außen zu sehen ist, sollte man tätig werden. Hier muss nicht nur gereinigt, sondern die Ursache des Problems analysiert werden. Am besten werden solche Nisthilfe ersetzt und an einem geeigneteren Standort neu aufgehängt.

Da sich nur durch gute Dokumentation nachvollziehen lässt, wann einzelne Röhrchen verschlossen wurden, hat sich in der Praxis eine einfache Markierungsmethode bewährt: Im Winter werden alle zu diesem Zeitpunkt verschlossenen Röhrchen mit Wasserfarbe markiert. Nach der Saison der Wildbienen im Spätherbst wird das ganze dann begutachtet. Röhren, die markiert und !nach zwei Jahren! immer noch verschlossen sind, enthalten mit hoher Wahrscheinlichkeit keine lebende Brut mehr und können gereinigt werden. Mauerbienen besitzen einen einjährigen Lebenszyklus und der Schlupf der Brut im zweiten Jahr ist nur in 5-15 % der Brutröhrchen der Fall. Für die Markierung eignet sich unterschiedliche Töne von roter Wasserfarbe, da Wildbienen diesen Farbton nicht wahrnehmen. So greift man möglichst wenig in ihr Orientierungsverhalten ein und kann über mehrere Jahre hinweg markieren.

Eine alternative Methode: Nisthilfe im Karton über den Sommer

Sollen alle Wildbienen aus der Nisthilfe ausziehen und keine neu einziehen, hat es sich bewährt die Nisthilfe über die ganze Saison in einen Karton mit kleinem Ausflugsloch zu stellen.

Wer alle Röhrchen für Mauerbienen auf einmal reinigen oder die Nisthilfe komplett entsorgen möchte, kann auf eine einfache Methode zurückgreifen: Die Nisthilfe wird im Februar in einen Karton gestellt, der lediglich ein kleines Loch nach außen hat. Die im zeitigen Frühjahr schlüpfenden Bienen finden dieses Loch und gelangen ins Freie, kehren aber nicht in die Nisthilfe zurück, da sie den großen Hohlraum nicht als geeigneten Nistplatz wahrnehmen.

Bleibt die Nisthilfe die gesamte Saison im Karton, kann man im Herbst sicher sein, dass keine neue Brut eingezogen ist und alle Röhrchen gefahrlos gereinigt oder entsorgt werden können. Und falls sich doch ein Mauerbienen-Weibchen in die Nisthilfe verirrt und eine neue Röhre anlegt: Diese Methode lässt sich gut mit der Markierung der Röhrchen kombinieren und man erkennt neue Nistverschlüsse direkt.

Am Besten wird in der Nähe eine alternative Nisthilfe angeboten, damit die geschlüpften Tiere einen neuen geeigneten Platz zum Nisten finden.

Wie reinigt man Nisthilfen richtig?

Bei herausnehmbaren Pappröhrchen ist die Sache einfach: Sie werden ausgetauscht und ersetzt. Schwieriger wird es bei Nisthilfen aus Holz. Hier müssen die Löcher vorsichtig mit einem Bohrer derselben Größe nachgebohrt werden, damit die Innenwände wieder glatt und frei von alten Zellresten sind. Dabei ist es wichtig, absolut gerade zu arbeiten – idealerweise mit einem Bohrständer. Rundbürsten oder Flaschenbürsten sind hierfür nicht geeignet. Sie entfernen die Reste der Brutzellen meist nicht vollständig und können Keime im Holz verteilen.

Und vollbesetzte aber abgestorbene Brutröhren? Wer nicht komplett mit dem Bohrer arbeiten möchte, kann zunächst mit einer langen Pinzette die Trennwände durchstoßen und vorsichtig die Kokons entnehmen.
Vorteil: Wenn man sich unsicher ist, ob die Brut tatsächlich abgestorben ist, dann können die Kokons noch in einem Karton mit Loch bis zum Frühjahr aufbewahrt werden.
Nachteil: Bei großen Nisthilfen dauert dies erheblich länger.

Zusammenfassung

Nicht jede Nisthilfe muss jedes Jahr gereinigt werden. Entscheidend sind die Lochgröße, die besiedelnden Arten und der tatsächliche Zustand der Röhrchen. Oft ist Beobachten wichtiger als Eingreifen. Mit gezielter, zurückhaltender Pflege lassen sich jedoch vor allem für die rostrote und die gehörnte Mauerbiene langfristig geeignete Brutplätze erhalten.


👉Neben geeigneten Nistplätzen ist auch das Nahrungsangebot entscheidend für Wildbienen. Weiterführende Informationen zur Förderung von Wildbienen und Bestäuberinsekten finden sich in diesem Artikel zu den Nachteilen gezüchteter Blumen mit gefüllten Blüten.

Posted by Juliane Schäffer in Biodiversität, Insekten, Praxis, Wildbienen, 0 comments

Gefüllte Blüten: Schön, aber nutzlos für Insekten

Gefüllte Blüten sind in vielen Gärten und Parks beliebt, doch ihre Züchtung hat oft unbeabsichtigte Folgen für die Insektenwelt. Während ungefüllte Blüten Pollen und Nektar für Bestäuber zugänglich machen, fehlt dies bei gefüllten Blüten häufig oder ist nur schwer erreichbar. Dieser Artikel beleuchtet die ökologischen Auswirkungen gefüllter Blüten auf Wildbienen und andere Bestäuber, erklärt die Unterschiede zu ungefüllten Blüten und zeigt Alternativen auf, die sowohl ästhetisch ansprechend als auch ökologisch wertvoll sind.

Zuchtrosen haben gefüllte Blüten
Auch die beliebte Zuchtrose hat gefüllte Blüten. Ohne erreichbare Staubblätter ist sie für Bestäuber wertlos.

Was sind gefüllte Blüten?

Was klingt wie ein exotisches Gericht in einem Vier-Sterne-Restaurant ist das Ergebnis spezieller Züchtungen von Blütenpflanzen und oft in Vorgärten und Parks zu finden. Ziel dieser Züchtungen ist es die Staubblätter, also das Pollen erzeugende Organ von männlichen oder zwittrigen Blüten, in zusätzliche Blütenblätter umzuwandeln, damit die Blüten besonders groß und prachtvoll aussehen. Leider macht diese genetische Mutation diese Blühpflanzen für Bestäuber wie Wildbienen, Hummeln und Schmetterlinge absolut wertlos.

Warum sind gefüllte Blüten für Bestäuber ungeeignet?

In einer Studie von Corbet et al. (2001) wurden gefüllte und einfache Blüten von der gleichen Pflanzenart verglichen. Die normalen (oder auch einfachen bzw. ungefüllten) Blüten wurden signifikant häufiger von Bestäubern besucht und hatten eine höhere Fruchtansatzrate. Woran liegt das?

  1. Kein oder wenig Pollen: Da die Staubblätter fehlen oder reduziert sind, bieten diese Blüten kaum oder keinen Pollen als Nahrung.
  2. Kein oder schwer erreichbarer Nektar: In vielen gefüllten Blüten sind die Nektarien verdeckt oder verschwunden.
  3. Erschwerter Zugang: Die dichten Blütenblätter verhindern, dass Bestäuber ins Innere der Blüte gelangen. Besonders Hummeln haben Schwierigkeiten mit stark gefüllten Blüten, da diese oft zu tief oder zu komplex sind, um effizient nach Nektar zu suchen.

Und nicht nur das: Viele Bestäuber orientieren sich nach optischen Reizen. Gefüllte Blüten locken sie an, ohne eine wirkliche Belohnung zu bieten. Die Bestäuber verlieren dadurch Energie und Zeit, was ihre Bestäubungsleistung für andere Pflanzen in der Umgebung senkt.

Wie erkennt man diese Blüten?

Wenn man den Eindruck hat, es befindet sich eine „Blüte in der Blüte“ liegt man meistens richtig. Im Englischen heißen diese Zuchtpflanzen daher auch „Double Flower“ oder „Double-flowered“. Beim Kauf verrät ein Blick auf das Etikett mehr: Dort wird der Name der Pflanze meistens als „Gefüllt“, „Double“ oder „Duo“ bezeichnet. Oft ist auch der Begriff „Gefüllte Mischung“ auf den Verpackungen zu finden. Leider enthält der der lateinische Artname nur selten den eindeutigen Zusatz fl. pl. (lat. flore pleno, „mit voller Blüte“).

Die bekannteste und vermutlich älteste Blütenpflanze mit gefüllten Blüten ist die übrigens die Zuchtrose. Andere Beispiele für Pflanzen mit gefüllten Blüten sind z.B.:

  • Gefüllte Sonnenblumen
  • Gefüllte Dahlien
  • Gefüllte Chrysanthemen
  • Gefüllte Petunien
  • Gefüllte Pfingstrosen

Alternative: Insektenfreundliche, ungefüllte Blüten

Aber keine Angst, es müssen jetzt nicht alle liebgewonnen Zuchtrosen aus den Gärten verschwinden. Wichtig ist, dass in unmittelbarer Nähe auch einige heimische Pflanzen mit ungefüllten Blüten kultiviert werden, um den Bestäubern genug Nahrung zu bieten. Bei Wildbienen sind z.B. folgende Blühpflanzenarten besonders beliebt:

  • Wilde Möhre (Daucus carota )
  • Wildrosen (z. B. Rosa canina)
  • Kornblume (Centaurea cyanus)
  • Echte Malve (Malva sylvestris)
  • Ringelblume (Calendula officinalis)
  • Lavendel (Lavandula angustifolia)
  • Echte Betonie (Betonica officinalis)
  • Glockenblumen (z.B. Campanula patula, Campanula rapunculoides, Campanula persicifolia)
  • Klatschmohn (Papaver rhoeas)
  • Klee (z.B. Trifolium pratense, Trifolium repens)
  • Wollziest (Stachys byzantina)
  • Gemeine Schafgarbe (weiß!) (Achillea millefolium)
  • Gewöhnliche Skabiose (Scabiosa columbaria)
  • Gewöhnlicher Natternkopf (Echium vulgare)

Und es existieren natürlich noch viele viele mehr!

Hier findet man tolle Infos zu Pflanzen mit denen man Wildbienen fördern kann:

Broschüre: „Gefährdete Wildbienen – Nisthilfen bauen und Lebensräume schaffen“ des BUND

Broschüre: „Naturnützliche Wildsträucher“ des NABU

WILDBIENEN & Co. in Oldenburger Gärten“ der Unteren Naturschutzbehörde Stadt Oldenburg

„Heimische Blütenpflanzen für unsere Wildbienen“ eine Empfehlung von Oliver Kwetschlich und des BUND Bremen

Fazit

Gefüllte Blüten sehen zwar spektakulär aus, doch sie tragen wenig zur Förderung der Biodiversität bei. Wer Insekten unterstützen möchte, sollte auf ungefüllte Blüten zurückgreifen. So wird der Garten nicht nur schön, sondern auch ein Paradies für Bestäuber.


Quellen:

Buchmann, S. L., & Nabhan, G. P. (1996) The forgotten pollinators. Island Press.

Corbet, S. A., et al. (2001) Native or Exotic? Double or Single? Evaluating Plants for Pollinator-friendly Gardens. Annals of Botany, 87(2), 219-232. https://doi.org/10.1006/anbo.2000.1322

Palmersheim, M. C., et al. (2022) If You Grow It, They Will Come: Ornamental Plants Impact the Abundance and Diversity of Pollinators and Other Flower-Visiting Insects in Gardens. Horticulturae8(11), 1068. https://doi.org/10.3390/horticulturae8111068

Posted by Juliane Schäffer in Biodiversität, Praxis, Wildbienen, 2 comments

Können Künstliche Intelligenz und Apps Wildbienen fehlerfrei bestimmen?

In den letzten Jahren haben sich KI-gestützte Bestimmungs-Apps rasant weiterentwickelt. Plattformen wie iNaturalist, ObsIdentify oder Wildbienen Id BienABest ermöglichen es mittlerweile, Wildbienen durch einfache Foto-Uploads automatisch bestimmen zu lassen. Doch wie zuverlässig sind diese Technologien wirklich? Können sie eine präzise, wissenschaftlich fundierte Identifikation garantieren? Die Antwort ist nein – zumindest noch nicht.

Bestimmungsapps zur Identifizierung von Insekten werden immer besser und beliebter. Bild erstellt mit KI (DALL·E), generiert von ChatGPT (OpenAI). Nutzung nur mit Erlaubnis.

Im letzten Artikel ging es um Insektenfallen und warum diese für die Biodiversitätsforschung unverzichtbar sind. In Zeiten der künstlichen Intelligenz stellt sich natürlich die Frage, ob diese das mühselige fangen, präparieren, etikettieren und bestimmen von Insekten überflüssig machen könnte. Schließlich kostet das alles Zeit, Geld und wertvolle Insektenleben. Und es stimmt: Künstliche Intelligenz und automatisierte Bildanalyse kann die Bestimmung vereinfachen und beschleunigen, jedoch stoßen sie besonders bei komplexen Insektengruppen wie Wildbienen an klare Grenzen. Viele Arten sind sich so ähnlich, dass selbst erfahrene Taxonomen sie nur unter dem (Stereo)-Mikroskop anhand von winzigen Unterschieden sicher bestimmen können.

Warum sind KI und Apps bei der Wildbienen-Bestimmung noch unzuverlässig?

🐝 Hohe Artenvielfalt und Ähnlichkeit
Die Familie der Wildbienen (Apidae) umfasst allein in Deutschland über 580 Arten, von denen viele nur durch minimale Unterschiede in Behaarung, Körperbau oder Flügeladern zu unterscheiden sind. Besonders bei den Gattungen Andrena, Lasioglossum oder Hylaeus sind oft winzige Details entscheidend, die eine KI bzw. eine Kamera nur schwer erfassen kann.

🐝 Unzureichende Trainingsdaten für viele Arten
KI-Systeme sind darauf angewiesen, große Mengen an Trainingsdaten zu verarbeiten. Während für weit verbreitete Arten wie die Gehörnte Mauerbiene (Osmia cornuta) oder die Ackerhummel (Bombus pascuorum) bereits zahlreiche Bilder existieren, fehlen für seltene oder schwer fotografierbare Arten oft ausreichend hochwertige Aufnahmen. Ohne diese Daten kann die KI keine zuverlässige Bestimmung liefern.

🐝 Notwendigkeit mikroskopischer Merkmale
Viele Wildbienenarten lassen sich nur durch spezielle anatomische Merkmale unterscheiden. Dazu gehören z.B. die Struktur der Flügeladern, die Form der Fühler oder sogar Details der Genitalien. Diese Merkmale können von einer Kamera oft nicht erfasst werden, was die Bestimmung über Fotos allein unmöglich macht.

🐝 Beeinflussung durch Umweltfaktoren
Lichtverhältnisse, Schattenwurf, schlechte Bildqualität oder eine ungünstige Perspektive können dazu führen, dass die KI falsche Rückschlüsse zieht. So kann eine dunkle Lichtstimmung oder ein bestimmter Kamerawinkel aus einer Anthophora schnell eine vermeintliche Bombus-Art machen.

Wo können KI und Apps dennoch hilfreich sein?

Für viele Forschungsfragen, z.B. welche und wieviele Arten in einem Gebiet leben, kann die Bestimmung per App (noch) nicht für Wildbienen und viele andere Insektenfamilien angewendet werden. Aber wer weiß was die Zukunft bringt?

Trotzdem gibt es Bereiche, in denen künstliche Intelligenz einen echten Mehrwert bietet:

  • Grobe Einordnung bis zur Gattung oder Artengruppe
    KI kann oft zumindest die richtige Gattung oder Artengruppe identifizieren. So kann sie beispielsweise erkennen, ob es sich um eine Hummel, Sandbiene oder Furchenbiene handelt. Für eine exakte Artbestimmung ist jedoch fast immer eine Überprüfung durch einen Experten erforderlich.
  • Citizen Science & Biodiversitätsmonitoring
    Plattformen wie iNaturalist oder Observation.org nutzen KI, um Bürgerwissenschaftler (Citizen Scientists) bei der Identifikation zu unterstützen. Auch wenn die Bestimmungen nicht immer korrekt sind, einige größere Arten lassen sich gut über App bestimmen z.B. Hummeln. Diese Daten liefern wertvolle Hinweise auf das Vorkommen und die Verbreitung dieser Arten und die Beteiligung an solchen Projekten fördern das Verständnis für Biodiversität in der Bevölkerung.

Oft wird auch der Vorteil erwähnt, dass mithilfe der Apps große Mengen an Insektenproben vorselektiert werden können, damit sie anschließend von Experten genauer bestimmt werden können. Das klingt erst mal gut, ist jedoch meiner Meinung in der Praxis nicht praktikabel. Von jedem Individuum muss nämlich für die Bestimmung per App ein Foto gemacht und das Handy bedient werden. Das alles braucht auch viel Zeit und diese sollte besser in eine Schulung der wissenschaftlichen Mitarbeiter investiert werden.


Zusammenfassung: KI ist eine wertvolle Hilfe, aber kein Ersatz für Experten

Die Fortschritte in der KI-gestützten Bestimmung sind beeindruckend, doch bei komplexen Artengruppen wie den Wildbienen bleiben sie noch weit von einer fehlerfreien Identifikation entfernt. Künstliche Intelligenz kann helfen, grobe Einordnungen vorzunehmen aber menschliche Experten sind nach wie vor unverzichtbar, wenn es um eine präzise Bestimmung geht.

Für Wissenschaft, Naturschutz und Biodiversitätsforschung können Bestimmungs-Apps trotzdem eine wertvolle Unterstützung sein – aber nur, wenn ihre Grenzen klar erkannt und ihre Ergebnisse immer kritisch überprüft werden.


Quellen und weiterführende Links:
Observation International: Diese gemeinnützige Stiftung betreibt Plattformen wie Observation.org und die App ObsIdentify, die mithilfe von KI Naturbeobachtungen sammeln und bestimmen.
https://observation-international.org/de/

iNaturalist: Ein soziales Netzwerk und Citizen-Science-Projekt, das durch KI-gestützte Bestimmung und Expertenvalidierung zur Dokumentation der Artenvielfalt beiträgt.
https://www.inaturalist.org/

Wildbienen Id BienABest: Eine App, die die Bestimmung der 100 häufigsten Wildbienenarten Deutschlands ermöglicht.
https://www.bienabest.de/app-wildbienen-id-bienabest

Posted by Juliane Schäffer in Biodiversität, Wildbienen, Wissenschaft, 0 comments