Praxis

Müssen Nisthilfen für Wildbienen gereinigt werden?

Wer eine Nisthilfe für Wildbienen im Garten oder auf dem Balkon besitzt, stellt sich früher oder später diese Frage: Muss ich meine Nisthilfe sauber machen? Häufig finden sich dazu widersprüchliche Empfehlungen, die von einem vollständigen Verzicht auf Pflege bis hin zu regelmäßiger Reinigung reichen.

Tatsächlich lässt sich diese Frage nicht pauschal beantworten. Ob eine Reinigung sinnvoll ist, hängt maßgeblich davon ab, welche Wildbienenarten die Nisthilfe nutzen, wie sie gebaut ist und in welchem Zustand sich die Niströhren befinden. Gut gemeinte Pflege kann hilfreich sein, unter bestimmten Umständen jedoch auch dazu führen, dass Nisthilfen langfristig nicht mehr angenommen werden.

Wichtiger als die Pflege ist zunächst aber, dass es sich um eine fachlich korrekt gebaute Nisthilfe handelt, aus dem richtigen Material, mit glatten Bohrungen, passenden Lochdurchmessern und einem regengeschützten Standort. Wer sich mit diesen Grundlagen bislang nicht beschäftigt hat, sollte dies vor dem Kauf oder Bau unbedingt nachholen. Sehr empfehlenswert sind hierzu die Informationen des Wildbienenexperten Paul Westrich, der sich seit vielen Jahren wissenschaftlich mit diesem Thema befasst.

Nicht jede Wildbiene nutzt jede Nisthilfe gleich

Ein zentraler Punkt, der bei der Pflege oft übersehen wird, ist die Lochgröße. Unterschiedliche Wildbienenarten nutzen sehr unterschiedliche Durchmesser – und verhalten sich auch beim Reinigen ihrer Nester nicht gleich.

Kleine Arten, die überwiegend im späten Sommer fliegen, räumen alte Brutzellen in der Regel selbstständig aus. Sie nutzen bevorzugt sehr kleine Bohrlöcher (ca. 3-4 mm) und verschließen ihre Nester mit Harz, Sand, Drüsensekret oder kleinen Steinchen. Diese Röhrchen müssen normalerweise nicht gereinigt werden. Zu diesen Bienen gehören vor allem:

  • Scherenbienen (Chelostoma)
  • Löcherbienen (Heriades)
  • Maskenbienen (Hylaeus)

Anders sieht es bei den großen, früh fliegenden Mauerbienen aus. Die häufigsten Besucher in Nisthilfen sind hier:

  • die Rostrote Mauerbiene (Osmia bicornis)
  • die Gehörnte Mauerbiene (Osmia cornuta)

Diese Arten nutzen größere Lochdurchmesser (ca. 6-9 mm) und reinigen ihre Niströhren nicht selbst. Mit der Zeit sammeln sich dort Kot- und Pollenreste oder abgestorbene Brut an. Besonders hartnäckig zu entfernen sind allerdings die „Mörtelreste“ der Mauerbienen. Sie nutzen ein Gemisch aus Speichel und Ton oder Erde zum Bau der Trennwände und zum Verschluss der Brutzellen. Ohne Pflege werden diese Röhren oft nicht erneut besiedelt.
👉 Wenn gewollt ist, dass diese Arten jedes Jahr wiederkommen, ist eine Reinigung oder ein Austausch der Röhrchen sinnvoll.

Es gibt auch andere Wildbienen, die Löcher von ca. 6 mm Größe besiedeln. Dazu gehören z.B. einige Arten der Blattschneiderbienen. Ihr Besuch ist vergleichsweise selten und man erkennt diese an den Blättern mit denen der Eingang verschlossen wird. Am besten stellt man zunächst durch gute Beobachtung fest, ob diese Röhre erneut, vielleicht sogar von einer anderen Art besiedelt, wird. Paul Westrich hat auf seiner Website eine tolle Galerie zu Nestverschlüssen, welche hilft, die Wildbienenarten in der Nisthilfe zu bestimmen.

Verschlossen heißt nicht automatisch bewohnt

Die besetzten Brutröhren werden im Winter markiert, um in der nächsten Saison festzustellen, welche Wildbienen geschlüpft sind.

Ein häufiges Problem bei Nisthilfen ist, dass Röhrchen zwar verschlossen sind, die Brut darin aber bereits abgestorben ist. Das passiert z.B. durch Schimmel, Parasiten oder zu hohe Feuchtigkeit. Von außen ist das kaum zu erkennen, und so bleiben diese Röhren oft jahrelang blockiert. Treten gehäuft verschimmelte Röhrchen auf, ist das ein Zeichen dafür, dass die Nisthilfe vielleicht baulich ungeeignet ist, falsch aufgestellt (etwa zu feucht oder ungeschützt vor Witterung) oder aus ungeeigneten Materialien gefertigt wurde. Vor Allem wenn der Schimmel auch von außen zu sehen ist, sollte man tätig werden. Hier muss nicht nur gereinigt, sondern die Ursache des Problems analysiert werden. Am besten werden solche Nisthilfe ersetzt und an einem geeigneteren Standort neu aufgehängt.

Da sich nur durch gute Dokumentation nachvollziehen lässt, wann einzelne Röhrchen verschlossen wurden, hat sich in der Praxis eine einfache Markierungsmethode bewährt: Im Winter werden alle zu diesem Zeitpunkt verschlossenen Röhrchen mit Wasserfarbe markiert. Nach der Saison der Wildbienen im Spätherbst wird das ganze dann begutachtet. Röhren, die markiert und !nach zwei Jahren! immer noch verschlossen sind, enthalten mit hoher Wahrscheinlichkeit keine lebende Brut mehr und können gereinigt werden. Mauerbienen besitzen einen einjährigen Lebenszyklus und der Schlupf der Brut im zweiten Jahr ist nur in 5-15 % der Brutröhrchen der Fall. Für die Markierung eignet sich unterschiedliche Töne von roter Wasserfarbe, da Wildbienen diesen Farbton nicht wahrnehmen. So greift man möglichst wenig in ihr Orientierungsverhalten ein und kann über mehrere Jahre hinweg markieren.

Eine alternative Methode: Nisthilfe im Karton über den Sommer

Sollen alle Wildbienen aus der Nisthilfe ausziehen und keine neu einziehen, hat es sich bewährt die Nisthilfe über die ganze Saison in einen Karton mit kleinem Ausflugsloch zu stellen.

Wer alle Röhrchen für Mauerbienen auf einmal reinigen oder die Nisthilfe komplett entsorgen möchte, kann auf eine einfache Methode zurückgreifen: Die Nisthilfe wird im Februar in einen Karton gestellt, der lediglich ein kleines Loch nach außen hat. Die im zeitigen Frühjahr schlüpfenden Bienen finden dieses Loch und gelangen ins Freie, kehren aber nicht in die Nisthilfe zurück, da sie den großen Hohlraum nicht als geeigneten Nistplatz wahrnehmen.

Bleibt die Nisthilfe die gesamte Saison im Karton, kann man im Herbst sicher sein, dass keine neue Brut eingezogen ist und alle Röhrchen gefahrlos gereinigt oder entsorgt werden können. Und falls sich doch ein Mauerbienen-Weibchen in die Nisthilfe verirrt und eine neue Röhre anlegt: Diese Methode lässt sich gut mit der Markierung der Röhrchen kombinieren und man erkennt neue Nistverschlüsse direkt.

Am Besten wird in der Nähe eine alternative Nisthilfe angeboten, damit die geschlüpften Tiere einen neuen geeigneten Platz zum Nisten finden.

Wie reinigt man Nisthilfen richtig?

Bei herausnehmbaren Pappröhrchen ist die Sache einfach: Sie werden ausgetauscht und ersetzt. Schwieriger wird es bei Nisthilfen aus Holz. Hier müssen die Löcher vorsichtig mit einem Bohrer derselben Größe nachgebohrt werden, damit die Innenwände wieder glatt und frei von alten Zellresten sind. Dabei ist es wichtig, absolut gerade zu arbeiten – idealerweise mit einem Bohrständer. Rundbürsten oder Flaschenbürsten sind hierfür nicht geeignet. Sie entfernen die Reste der Brutzellen meist nicht vollständig und können Keime im Holz verteilen.

Und vollbesetzte aber abgestorbene Brutröhren? Wer nicht komplett mit dem Bohrer arbeiten möchte, kann zunächst mit einer langen Pinzette die Trennwände durchstoßen und vorsichtig die Kokons entnehmen.
Vorteil: Wenn man sich unsicher ist, ob die Brut tatsächlich abgestorben ist, dann können die Kokons noch in einem Karton mit Loch bis zum Frühjahr aufbewahrt werden.
Nachteil: Bei großen Nisthilfen dauert dies erheblich länger.

Zusammenfassung

Nicht jede Nisthilfe muss jedes Jahr gereinigt werden. Entscheidend sind die Lochgröße, die besiedelnden Arten und der tatsächliche Zustand der Röhrchen. Oft ist Beobachten wichtiger als Eingreifen. Mit gezielter, zurückhaltender Pflege lassen sich jedoch vor allem für die rostrote und die gehörnte Mauerbiene langfristig geeignete Brutplätze erhalten.


👉Neben geeigneten Nistplätzen ist auch das Nahrungsangebot entscheidend für Wildbienen. Weiterführende Informationen zur Förderung von Wildbienen und Bestäuberinsekten finden sich in diesem Artikel zu den Nachteilen gezüchteter Blumen mit gefüllten Blüten.

Posted by Juliane Schäffer in Biodiversität, Insekten, Praxis, Wildbienen, 0 comments

Gefüllte Blüten: Schön, aber nutzlos für Insekten

Gefüllte Blüten sind in vielen Gärten und Parks beliebt, doch ihre Züchtung hat oft unbeabsichtigte Folgen für die Insektenwelt. Während ungefüllte Blüten Pollen und Nektar für Bestäuber zugänglich machen, fehlt dies bei gefüllten Blüten häufig oder ist nur schwer erreichbar. Dieser Artikel beleuchtet die ökologischen Auswirkungen gefüllter Blüten auf Wildbienen und andere Bestäuber, erklärt die Unterschiede zu ungefüllten Blüten und zeigt Alternativen auf, die sowohl ästhetisch ansprechend als auch ökologisch wertvoll sind.

Zuchtrosen haben gefüllte Blüten
Auch die beliebte Zuchtrose hat gefüllte Blüten. Ohne erreichbare Staubblätter ist sie für Bestäuber wertlos.

Was sind gefüllte Blüten?

Was klingt wie ein exotisches Gericht in einem Vier-Sterne-Restaurant ist das Ergebnis spezieller Züchtungen von Blütenpflanzen und oft in Vorgärten und Parks zu finden. Ziel dieser Züchtungen ist es die Staubblätter, also das Pollen erzeugende Organ von männlichen oder zwittrigen Blüten, in zusätzliche Blütenblätter umzuwandeln, damit die Blüten besonders groß und prachtvoll aussehen. Leider macht diese genetische Mutation diese Blühpflanzen für Bestäuber wie Wildbienen, Hummeln und Schmetterlinge absolut wertlos.

Warum sind gefüllte Blüten für Bestäuber ungeeignet?

In einer Studie von Corbet et al. (2001) wurden gefüllte und einfache Blüten von der gleichen Pflanzenart verglichen. Die normalen (oder auch einfachen bzw. ungefüllten) Blüten wurden signifikant häufiger von Bestäubern besucht und hatten eine höhere Fruchtansatzrate. Woran liegt das?

  1. Kein oder wenig Pollen: Da die Staubblätter fehlen oder reduziert sind, bieten diese Blüten kaum oder keinen Pollen als Nahrung.
  2. Kein oder schwer erreichbarer Nektar: In vielen gefüllten Blüten sind die Nektarien verdeckt oder verschwunden.
  3. Erschwerter Zugang: Die dichten Blütenblätter verhindern, dass Bestäuber ins Innere der Blüte gelangen. Besonders Hummeln haben Schwierigkeiten mit stark gefüllten Blüten, da diese oft zu tief oder zu komplex sind, um effizient nach Nektar zu suchen.

Und nicht nur das: Viele Bestäuber orientieren sich nach optischen Reizen. Gefüllte Blüten locken sie an, ohne eine wirkliche Belohnung zu bieten. Die Bestäuber verlieren dadurch Energie und Zeit, was ihre Bestäubungsleistung für andere Pflanzen in der Umgebung senkt.

Wie erkennt man diese Blüten?

Wenn man den Eindruck hat, es befindet sich eine „Blüte in der Blüte“ liegt man meistens richtig. Im Englischen heißen diese Zuchtpflanzen daher auch „Double Flower“ oder „Double-flowered“. Beim Kauf verrät ein Blick auf das Etikett mehr: Dort wird der Name der Pflanze meistens als „Gefüllt“, „Double“ oder „Duo“ bezeichnet. Oft ist auch der Begriff „Gefüllte Mischung“ auf den Verpackungen zu finden. Leider enthält der der lateinische Artname nur selten den eindeutigen Zusatz fl. pl. (lat. flore pleno, „mit voller Blüte“).

Die bekannteste und vermutlich älteste Blütenpflanze mit gefüllten Blüten ist die übrigens die Zuchtrose. Andere Beispiele für Pflanzen mit gefüllten Blüten sind z.B.:

  • Gefüllte Sonnenblumen
  • Gefüllte Dahlien
  • Gefüllte Chrysanthemen
  • Gefüllte Petunien
  • Gefüllte Pfingstrosen

Alternative: Insektenfreundliche, ungefüllte Blüten

Aber keine Angst, es müssen jetzt nicht alle liebgewonnen Zuchtrosen aus den Gärten verschwinden. Wichtig ist, dass in unmittelbarer Nähe auch einige heimische Pflanzen mit ungefüllten Blüten kultiviert werden, um den Bestäubern genug Nahrung zu bieten. Bei Wildbienen sind z.B. folgende Blühpflanzenarten besonders beliebt:

  • Wilde Möhre (Daucus carota )
  • Wildrosen (z. B. Rosa canina)
  • Kornblume (Centaurea cyanus)
  • Echte Malve (Malva sylvestris)
  • Ringelblume (Calendula officinalis)
  • Lavendel (Lavandula angustifolia)
  • Echte Betonie (Betonica officinalis)
  • Glockenblumen (z.B. Campanula patula, Campanula rapunculoides, Campanula persicifolia)
  • Klatschmohn (Papaver rhoeas)
  • Klee (z.B. Trifolium pratense, Trifolium repens)
  • Wollziest (Stachys byzantina)
  • Gemeine Schafgarbe (weiß!) (Achillea millefolium)
  • Gewöhnliche Skabiose (Scabiosa columbaria)
  • Gewöhnlicher Natternkopf (Echium vulgare)

Und es existieren natürlich noch viele viele mehr!

Hier findet man tolle Infos zu Pflanzen mit denen man Wildbienen fördern kann:

Broschüre: „Gefährdete Wildbienen – Nisthilfen bauen und Lebensräume schaffen“ des BUND

Broschüre: „Naturnützliche Wildsträucher“ des NABU

WILDBIENEN & Co. in Oldenburger Gärten“ der Unteren Naturschutzbehörde Stadt Oldenburg

„Heimische Blütenpflanzen für unsere Wildbienen“ eine Empfehlung von Oliver Kwetschlich und des BUND Bremen

Fazit

Gefüllte Blüten sehen zwar spektakulär aus, doch sie tragen wenig zur Förderung der Biodiversität bei. Wer Insekten unterstützen möchte, sollte auf ungefüllte Blüten zurückgreifen. So wird der Garten nicht nur schön, sondern auch ein Paradies für Bestäuber.


Quellen:

Buchmann, S. L., & Nabhan, G. P. (1996) The forgotten pollinators. Island Press.

Corbet, S. A., et al. (2001) Native or Exotic? Double or Single? Evaluating Plants for Pollinator-friendly Gardens. Annals of Botany, 87(2), 219-232. https://doi.org/10.1006/anbo.2000.1322

Palmersheim, M. C., et al. (2022) If You Grow It, They Will Come: Ornamental Plants Impact the Abundance and Diversity of Pollinators and Other Flower-Visiting Insects in Gardens. Horticulturae8(11), 1068. https://doi.org/10.3390/horticulturae8111068

Posted by Juliane Schäffer in Biodiversität, Praxis, Wildbienen, 2 comments

Biodiversität im Weinberg fördern – Mehr Leben zwischen den Reben

Biodiversität im Weinberg zu fördern, ist nicht nur gut für die Natur – sie stärkt auch die Reben, verbessert die Bodenqualität und trägt zum ökologischen Gleichgewicht bei. Ein vielfältiger Lebensraum schützt vor Schädlingen, beugt Erosion vor und steigert langfristig die Resilienz des Weinbergs gegenüber Klimastress. Das klingt nach einer Win-Win-Situation! Und so geht’s mit 6 effektiven Maßnahmen:

Durch vielfältig begrünte Zwischenzeilen lässt sich die Biodiversität im Weinbau leicht förden.

6 effektive Maßnahmen zur Förderung der Biodiversität im Weinberg

1. Blütenreiche Begrünung fördern und Trittsteinbiotope erschaffen

Ein zentraler Baustein zur Förderung der Biodiversität im Weinberg ist die vielfältige Begrünung zwischen den Rebzeilen sowie die Anlage blütenreicher Randstrukturen wie Saumbereiche, Wegränder oder Wegspitzen. Diese Lebensräume bieten Nahrung, Schutz und Fortpflanzungsmöglichkeiten für zahlreiche Insektenarten. Dabei eignen sich besonders Wegspitzen zur Erschaffung sogenannter „Trittsteinbiotope„. Bei diesen handelt es sich um kleine, blütenreiche Oasen, die Insekten dabei helfen sich in der Monokultur zu bewegen und neue Lebensräume zu erschließen. Sind solche Strukturen mosaikartig in der Landschaft verteilt, leisten sie einen wichtigen Beitrag zur Erhaltung gesunder und stabiler Ökosysteme im Weinbau.

Im Vergleich zur Feldwirtschaft hat der Weinanbau einen entscheidenden Vorteil: Zwischen den Rebzeilen können Blühstreifen angelegt werden, ohne dass auf kostbare bewirtschaftbare Fläche verzichtet werden muss. Noch dazu schützt eine dauerhafte Begrünung den Boden vor Erosion, verbessert die Wasseraufnahme, verhindert das Abschwemmen von Nährstoffen, fördert die Bodenfauna und bietet Kleintieren Schutz.

Ordentlich aber leblos: Ein Weinberg mit kurzgemähter Rasenfläche zwischen den Rebzeilen.


Leider sieht man oft nur total „aufgeräumte“ Weinberge, mit kurzgemähten Rasenflächen und ohne Blühpflanzen. Warum? Unbegründete Angst vor Schädlingen oder der Wunsch einen ordentlichen Weinberg zu haben. Warum nicht, zumindest in jeder 2. Rebzeile, einfach mal wachsen lassen? Dies macht nicht nur weniger Arbeit während der Saison, sondern ist gut für die Stabilität des Ökosystems.

2. Das richtige Saatgut wählen oder einfach mal nichts machen

Die Begrünung kann entweder durch die natürliche Ansiedlung sogenannter Spontanvegetation entstehen (einfach mal wachsen lassen!) oder gezielt durch die Einsaat regionaltypischer Wildpflanzen erfolgen. Für letzteres bitte nur heimisches (autochthones) Regio-Saatgut verwenden: Eine Verfälschung der lokalen Flora wird so vermieden und gezüchtete Pflanzen mit geringem ökologischen Wert werden nicht ins Gebiet eingebracht. Außerdem lassen sich so gezielt mehrjährige Blühflächen mit einer Standzeit von zwei bis fünf Jahren etablieren. Diese bieten auch in den Wintermonaten wichtige Strukturen – etwa durch abgestorbene Pflanzenstängel, die von vielen Insekten zur Überwinterung und Fortpflanzung genutzt werden. Vor allem spezialisierte Wildbienen sind auf einen langzeitlich angelegten Blühpflanzenbestand angewiesen.

3. Begrünung richtig pflegen

Die Pflege von Rebzwischenzeilen, Blühflächen und Saumbereichen spielt eine zentrale Rolle für den Erhalt der Insektenvielfalt. Eine effektive Methode um die Bioversität zu fördern ist eine sogenannte Staffel- oder Mosaikmahd. Dabei werden nicht alle Flächen gleichzeitig, sondern zeitlich versetzt gemäht. So bleibt immer ein Teil der Vegetation stehen und bietet Insekten weiterhin Nahrung und Schutz.

Außerdem: Mäh- oder Mulchenarbeiten am allerbesten nur einmal im Jahr in den Wintermonaten durchführen. Eine Mahd vor Mitte Juni ist nicht empfehlenswert, da viele Wildpflanzen zu diesem Zeitpunkt noch in der Hauptblüte stehen.

Sind langfristig Blühstreifen mit mehrjährigen Pflanzen oder Wegspitzen etabliert, die für den Weinanbau nicht gemäht oder geplegt werden müssen, so hat sich auch ein Umbrechen der Flächen nach einigen Jahren als geeignet erwiesen. Vorausgesetzt die Fläche ist nicht von üppigen Brombeerbewuchs betroffen und es befindet sich ein gleichwertiger Blühstreifen in der näheren Entfernung als alternative Nahrungsquelle für spezialisierte Wildbienenarten.

4. Walzen und Mähen statt Mulchen

Ideal wäre es, komplett auf das sogenannte Mulchen zu verzichten, welches im Weinbau zu den Standardverfahren gehört. Denn beim Mulchen wird das Pflanzenmaterial stark zerkleinert, wobei viele darin lebende Kleintiere wie Insekten, Spinnen oder Käfer vernichtet werden.

Wesentlich insektenfreundlicher sind das Walzen oder das Mähen. Beim Mähen sollte das Mähwerk auf eine Höhe von mindestens 15 Zentimetern eingestellt werden. So haben am Boden lebende Tiere die Möglichkeit, rechtzeitig zu fliehen. Das Mahdgut sollte nicht sofort, sondern erst einige Tage nach dem Schnitt entfernt werden. Dadurch können Samen noch ausfallen, und verbliebene Tiere finden einen Rückzugsort.

Es muss aus wirtschaftlichen Gründen gemulcht werden? Auch hier kann ein höherer Abstand zum Boden eingestellt werden.

5. Durch Strukturvielfalt Lebensräume schaffen

Natürliche Strukturelemente wie Trockenmauern, Steinriegel, Totholzhaufen oder felsige Bereiche sind für viele Insekten und andere Tiere von großer Bedeutung. Sie bieten geschützte Rückzugsorte, dienen als Sonnenplätze, Überwinterungsquartiere und Fortpflanzungsstätten. Auch für das Sozialverhalten mancher Arten, etwa bei der Balz oder Reviermarkierung, spielen sie eine wichtige Rolle.

Damit diese Strukturen ihre ökologische Funktion erfüllen können, ist es wichtig, sie freizuhalten und nicht zu überwuchern. Geht ein solches Landschaftselement verloren, sollte unbedingt ein naturnaher Ersatz geschaffen werden, um die Artenvielfalt im Weinberg zu erhalten und zu fördern.

6. Brachflächen pflegen!

Unbewirtschaftete Flächen, sogenannte Brachflächen, sind inmitten unserer intensiv genutzten Kulturlandschaft wichtige Rückzugsorte für Insekten. Sie bieten eine wertvolle Kombination aus Blütenpflanzen, Kleinstrukturen und offenen Bodenstellen, die vielen Arten als Lebensraum dienen.

Doch diese ökologischen Nischen sind gefährdet: Wenn Brachflächen langfristig nicht gepflegt werden, kommt es zur Verbuschung z.B. mit Brombeeren. Dabei verschwinden viele Wildkräuter und mit ihnen auch die Vielfalt an Lebensräumen. Um dem entgegenzuwirken, sollten Brachflächen in regelmäßigen Abständen gepflegt und offen gehalten werden. Wie häufig das nötig ist, hängt von der Standortqualität und der natürlichen Wüchsigkeit ab. Einmal im Jahr in den Wintermonaten zu mähen hat sich in der Praxis bewährt.

Wichtig ist, dabei behutsam vorzugehen: Einzelne wertvolle Strukturen wie Hecken, Gehölzgruppen oder Totholz sollten erhalten bleiben, da sie ebenfalls wichtige Funktionen im Ökosystem erfüllen.

Fazit: Jeder Weinberg kann zur Artenvielfalt beitragen

Biodiversität im Weinberg fördern bedeutet, Verantwortung zu übernehmen – für die Natur, für künftige Generationen und für die Qualität des eigenen Weines. Einige der Maßnahmen sind mit erhöhtem Aufwand verbunden und können kostspielig sein, aber auch schon kleine Maßnahmen können eine große Wirkung entfalten.

Sie sind Weinkonsument und möchten die Biodiversität in Weinbergen fördern? Unterstützen Sie lokale Weingüter, die sichtbar Biodiversität und Insektenvielfalt auf ihren Weinbergen leben. Sie wohnen nicht in einer Weinregion? Oft gibt die Homepage der Weingüter mehr Informationen über die Strategie der Weingüter preis.

Weiterführende Literatur und Quellen:

Diese praktischen Informationen stammen aus meiner Arbeit im Projekt „Biodiversität in Weinbausteillagen – Wechselwirkungen zwischen Steillagenbewirtschaftung und Biodiversität unter Berücksichtigung der Ressourcensicherung“ (FKZ: 2811HS003) im Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum Mosel. Mehr Informationen zu diesem BLE-Forschungsprojekt und den vollständigen Abschlussbericht gibt es hier:

Böhm L, Krahner A, Porten M, Maixner M, Schäffer J, Schmitt T (2024) Crossing Old Concepts: The Ecological Advantages of New Vineyard Types. Diversity. 16 (1), 44. https://doi.org/10.3390/d16010044.

Schmid-Egger C, & Witt R (2014) Ackerblühstreifen für Wildbienen – Was bringen sie wirklich? Ampulex, 6, 13–22 http://www.ampulex.de/ampu6.pdf

Viers JH, Williams JN, Nicholas KA, Barbosa O, Kotzé I, Spence L, Webb LB, Merenlender A, Reynolds M (2013) Vinecology: pairing wine with nature. Conservation Letters, 6(5), 287–299.
https://doi.org/10.1111/conl.12011

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