Insekten sind essenziell für unser Ökosystem – doch um ihren Bestand und Rückgang zu verstehen, müssen sie wissenschaftlich erfasst werden. Auch auf dieser Website werden genadelte Wildbienen und Berichte zu Studien präsentiert, in denen Insekten über Jahre hinweg gesammelt wurden.
Oft hört man dazu leider kritische Stimmen wie:
🗨️ „Kein Wunder, dass es keine Insekten mehr gibt!“
🗨️ „Ihr wollt euch Naturschützer nennen?“
Sicherlich tötet kein Biologe die Tiere gern – doch es gibt wichtige Gründe, warum diese Methode für die Forschung unverzichtbar ist.

Warum ist Insektenmonitoring wichtig?
Um den Zustand von Insektenpopulationen zu bewerten, sind langfristige Daten erforderlich. Nur so lässt sich herausfinden:
- Welche Arten leben in einem Gebiet?
- Wie verändern sich die Bestände über Jahre?
- Welche Maßnahmen fördern die Biodiversität?
Wissenschaftler kommen also um ein Insektenmonitoring so einfach nicht herum. Das Hauptproblem hierbei: Leider ist es nur bei wenigen Insektenordnungen (z. B. Schmetterlinge) möglich, die Tiere direkt im Feld (lebend) zu bestimmen. Die meisten Insekten zu klein, zu schnell oder zu ähnlich, sodass eine Bestimmung unter dem Stereomikroskop oder mit genetischen Methoden erforderlich ist.
Dies kostet viel Zeit, Geld und macht ein Insektenmonitoring zu einer langwierigen Angelegenheit. Noch dazu gibt es für viele Insektengruppen nur sehr wenige Experten, weshalb es sinnvoll ist, für bestimmte Fragestellungen über Massenfänge simple Gewichtsdaten zu erfassen. Ein bekanntes Beispiel hierfür ist die Krefelder Studie (Hallmann et al., 2017), die den drastischen Rückgang der Insekten in Deutschland dokumentierte – basierend auf Daten aus Malaise-Fallen.
Was sind Malaise-Fallen – und warum sind sie umstritten?
Malaise-Fallen sind zeltartige Konstruktionen aus Insektengitter, die fliegende Insekten in ein Alkoholbehältnis leiten (s. Abbildung). Sie stehen oft in der Kritik, da man mit ihnen ungezielt Insekten abfängt und somit neben den eigentlichen Studienobjekten viel „Beifang“ erhält. Da Malaise-Fallen keine anlockende Eigenschaft haben, sind kritische Aussagen darüber, dass Insektenforscher mit ihnen Naturschutzgebiete „aussaugen“ würden, natürlich falsch.

Wie viele Insekten fängt eine Malaise-Falle? Der Vergleich mit der Spitzmaus
Die Menge, die durch solch eine Malaise-Falle der Natur entnommen wird, ist vergleichsweise sogar ziemlich gering. Uhler et al. (2022) erfassten in ihrer Vergleichsstudie ~3,05 g Insekten pro Tag, wobei zur Hauptsaison des Insektenfluges Ende Juli und Anfang August am meisten erfasst wurde. Die Fallen befanden sich in Wäldern und auf Wiesen im Steigerwald, im Spessart und im Hunsrück.
Oft hört man, dass eine Malaise-Falle pro Tag „nur so viele Insekten fängt wie eine Spitzmaus frisst“. Stimmt das überhaupt? Obwohl man im Internet dazu schnell viele, aber schwankende Angaben findet, ist eine glaubhafte Quelle nicht so einfach auszumachen. Ein altes Paper von Morrison et al. (1957), in dem mehrere, teilweise sehr alte Daten zusammengefasst wurden, ist genauer: Die 11 g leichte Waldspitzmaus Sorex araneus, die häufigste Spitzmaus Mitteleuropas, frisst 6,8 g Mehlwürmer pro Tag.
Vergleicht man diese Nahrungsmenge mit dem, was eine Malaise-Falle laut Uhler et al. (2022) aus der Natur abfängt, dann frisst die Waldspitzmaus sogar mehr als doppelt so viel Gramm Insekten pro Tag als die Monitoring-Falle. Vermutlich ist Kritikern dieses Verhältnis überhaupt nicht bewusst. Kein Wunder: In der Krefelderstudie wurden 53,54 kg Biomasse gesammelt, was laut den Autoren Millionen von Insekten entspricht (Hallmann et al., 2017). Diese großen Zahlen können schon mal zu Missverständnissen führen. Rechnen wir mal genauer: In den 27 Jahren, in denen das Monitoring stattfand, sind das bei einer Gesamtdauer der Fallenexposition von 16908 Tagen also 3,17 g Insektenbiomasse pro Tag und das verteilt auf durchschnittlich 3,5 verschiedene Standorte pro Jahr (Hallmann et al., 2017). Auch in dieser Studie also wieder viel weniger als eine Waldspitzmaus pro Tag frisst.
Die Insektenfalle als weiterer Räuber
Ganz nüchtern betrachtet handelt es sich bei der Insektenwelt eigentlich um den großen Nahrungstopf der Natur für höher entwickelte Tiere. Spitzmäuse, Igel, Fledermäuse, Vögel, Frösche, Schlangen und Eidechsen bedienen sich alle ausgiebig an der Speisetafel der vielfältigen Insektenwelt. Sofern sie weit genug von einander wegstehen, fällt eine Malaisefalle mehr oder weniger am Tisch gar nicht ins Gewicht.
Aus dem Nachteil einen Vorteil machen
Wie bereits erwähnt, ist ein Nachteil der Insektenfallen jeglicher Bauart im Vergleich zum manuellen Insektenfang immer, dass auch Beifang in die Fallen gerät. Also Insekten, die gar nicht Objekt der Studie sind. Die Wissenschaftler sortieren die Beifänge feinsäuberlich aus, konservieren sie in Alkohol, etikettieren sie und lagern sie ein. Und dann verstauben sie im Keller der Universitäten.
Warum nicht also von der bereits getanen Arbeit profitieren, diese Datensätze untersuchen und dabei auch noch lebende Insekten verschonen?
Obwohl es sich teilweise um hochinteressante Datensätze handelt, findet sich leider kaum ein Wissenschaftler, der diese untersucht. Das große Problem ist dabei die Finanzierung von Doktoranden- und Post-Doc-Stellen. Das Bundesministerium für Forschung und Bildung (BMBF), welches in Deutschland den Großteil der Fördergelder für Forschung vergibt, als auch andere Institutionen wollen bei ihrer Auswahl vor allem eins: Innovation. Das bedeutet, dass man selbst bei Biodiversitätsprojekten lieber auf neue Studien mit neuen Fragestellung setzt, als alte Daten bereits stattgefundener Monitorings tiefgreifender zu untersuchen oder staubige Proben aus dem Keller zu holen. Natürlich ist das verständlich, schließlich muss Deutschland wissenschaftlich und wirtschaftlich mit der ganzen Welt konkurrieren.
Aber wieso nicht aus dem Nachteil des Beifangs einen Vorteil machen und die bereits gesammelten Insekten ebenfalls untersuchen? Man würde sich sicherlich das ein oder andere neue Monitoring sparen Mit den heutigen genetischen Methoden des Meta-Barcodings würde das sogar sehr schnell gehen (einen Artikel dazu ob diese DNA-Analysen demnächst geschulte Taxonomen ersetzen könnten gibt es hier). Taugt der Beifang nicht mehr für weitere Analysen, dann könnten Alkoholpräparate von Insekten in Bestimmungskursen für Studenten verwendet werden.
Mal abgesehen von den Beifangproben existieren außerderm oft riesige Datensätze, die aufgrund der Zeitknappheit von Doktoranden nur teilweise statistisch ausgewertet werden können. Man könnte also die ein oder andere Fragestellung beanworten und die Grundlagenforschung in der Entomologie voran bringen, wenn Gelder auch für die weitere Analyse bereits stattgefundener Studien zur Verfügung stehen würden.
Zusammenfassung: Insektenmonitoring mit Insektenfallen ist richtig und wichtig.
Nur so lässt sich der Insektenbestand bewerten und nur so lassen sich geeignete Methoden entwickeln um besonders gefährdete Arten gezielter fördern zu können. Die Insektenfallen entnehmen nur eine sehr geringe Menge aus der Natur und haben keinen Einfluss auf die Biozönose eines Gebietes. Schade nur, dass sich wissenschaftlich nicht mehr mit dem Beifang beschäftigt wird.
Halt Moment! Was ist denn mit Bestimmungs-Apps? Können die nicht helfen Insektenmonitoring mit tödlichen Fallen zu minimieren?
Ob künstliche Intelligenz helfen kann, erfährst du im nächsten Beitrag.
Und was ist mit dem gezielten Einsatz von Farbschalen um Beifang beim Wildbienenmonitoring zu reduzieren?
Ein guter Einwand! Dieser Artikel ist gerade in Bearbeitung.
Quellen:
Hallmann, C.A., Sorg, M., Jongejans, E., Siepel, H., Hofland, N., Schwan, H. et al. (2017) More than 75 percent decline over 27 years in total flying insect biomass in protected areas. PLoS One, 12(10), e0185809. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0185809
Morrison, P. R., Pierce, M., Ryser, F. A. (1957) Food Consumption and Body Weight in the Masked and Short-Tail Shrews. The American Midland Naturalist, 57(2), 493–501. https://doi.org/10.2307/2422414
Uhler, J., Haase, P., Hoffmann, L., Hothorn, T., Schmidl, J., Stoll, S. et al. (2022) A comparison of different Malaise trap types. Insect Conservation and Diversity, 15(6), 666–672. Available from: https://doi.org/10.1111/icad.12604